Schwärze. Urgrund. Leerer Raum. Das

Schwarz in Martin Nabers Werken wirkt wie der Goldgrund

von Ikonen: Es verdeutlicht dem Betrachter, dass er hier ein

Gedankengebäude mit einer eigenen Realität vor sich hat. Ein

komplexes Gefüge, parallel zur alltäglichen Welt des Betrachters,

eine Welt größer sogar als die seine. Der Gedanke erschafft sich

seine eigene Wirklichkeit aus der Schwärze. Die Nichtfarbe ist

der Nährboden für surreal anmutende Wesen, Kombinationen,

Begegnungen. Aus diesem Schwarz heraus scheint alles möglich.

Das Schwarz enthebt das Sichtbare der zeitlichen Gebundenheit,

setzt es absolut. Es ist das Spielfeld, auf dem sich die

Erzählungen Martin Nabers nach ihrer eigenen Logik entfalten.

Nur über das Schwarz kann man sich seinen Bildern nähern.

Dann eine Gestalt. Weiß vor schwarzem Grund, scharf umrissen.

Gesichtslos und doch stark in ihrer Körpersprache.

Ist Dienstfertigkeit der Grund, warum sie die Arme hinter dem

Rücken versteckt, ist es eine Geste des Zögerns, des Heraushaltens,

des Abwartens? Oder vielleicht doch eher Stolz, Ablehnung,

Arroganz? Schnitt und Faltenwurf verorten das Kleidungsstück

in eine ferne Vergangenheit, in die Zeit der Hausmädchen und

Korsetts, der steifen Gesellschaftszeremonien, der gebändigten

Körper. Mehr als hundert Jahre ist das verwendete Bild alt, wie so

oft bei Nabers Collagen bringt die Historizität des Ausgangsmaterials

ihr eigenes emotionales Gewicht ein. Die kopflose Dame

spricht zu uns. Schon allein ihre körperliche Präsenz nimmt den

Betrachter gefangen, bei aller demonstrativer Zurückhaltung hat

sie uns bereits eine ganze Reihe von Andeutungen geliefert. Sie

ist uns fremd und doch nah. Der Blick sucht nach Schlüsseln für

dieses Rätsel, verfängt sich in der schwarzen Schleife an ihrer

Brust. Ein biedermeierlicher Schmuck, heute allenfalls noch bei

Trachten gebräuchlich, rührend in seiner Schlichtheit ... Trauer?

Oder doch einfach Teil einer Dienstkleidung? Immer tiefer

verfängt sich der Betrachter in dem trügerischen Netzwerk des

Bildes, sucht Bedeutung und Eindeutigkeit, wo er es doch selbst

ist, dessen Assoziationen die Werke anfüllt, der die losen Enden

aufnimmt und daran anknüpft mit seinen eigenen Bildern im

Kopf. Der Künstler spielt mit den Erwartungen seines Publikums.

Er weiß nur zu gut, dass jedes sorgsam ausgewählte Bruchstück

eines alten Drucks oder Fotos den Verlust seines ursprünglichen

Kontextes wie eine Wunde mit sich trägt. Nicht nur fügt er das

Sichtbare neu zusammen. Martin Naber collagiert das Unsichtbare:

all die verloren gegangenen Zusammenhänge, Verortungen,

Sicherheiten. Die weiße Dame spiegelt unser aller Sehnsucht nach

den vermeintlich guten alten Zeiten, die sentimentale Vorstellung

einer noch überschaubaren Welt.

Ein langer Steg führt hinauf, anstelle eines Halses, und mit gleich

drei Köpfen wird die ach so biedere Dame plötzlich zu einer Art

Jahrmarktsattraktion – eine Monstrosität. Doch auch hier wird,

was in Klamauk und billigen Schockeffekt umschlagen könnte,

subtil gebrochen und poetisiert: es lacht uns nicht der dumpfe

Totenschädel entgegen, sondern eine Radierung dreier schematisch

dargestellter Köpfe, durchzogen von einem reichen Netzwerk

filigranster Adern und Nervensträngen. Offen liegende Arterien

und die Aorta bieten einen schrecklichen, zugleich aber auch

anrührenden Anblick. Es macht die besondere Qualität der Kunst

des Martin Naber aus, dem Unheimlichen und Seltsamen eine

zarte Schönheit abzugewinnen. Der Blick ins Innere des

Menschen ist bis heute mit Tabus belegt, doch ist es hier einmal

nicht die makabre Lust am Spektakulären, zu der der Betrachter

eingeladen ist. Es wird auch nicht im Gestus eines Leonardo da

Vinci der Forscherdrang gefeiert, nicht die Machbarkeit um ihrer

selbst willen gepriesen. Am ehesten noch ist man erinnert an

die Wachsfiguren der anatomischen Kabinette des achtzehnten

Jahrhunderts, an die dreidimensionalen, farbigen Darstellungen

verschiedenster Körper, ihrer Bestandteile und Deformationen.

Auch sie atmen diese Zärtlichkeit, entschuldigen das Ungeheuerliche

des Eindringens in das Körperinnere durch eine schmuckvolle

Ausgestaltung und eine fast liebliche Inszenierung. Sie stellen

ihren Kunstcharakter heraus, um ihr Motiv erträglich zu machen.

Wie die Biologie entwickelte auch die Medizin ihre Darstellungskonventionen

im Austausch mit der Bildenden Kunst ihrer Zeit.

Die längst überholten Gestaltungsweisen der anatomischen

Kupferstiche tragen entscheidend zu der fesselnden Wirkung

von Martins Nabers Werken bei. Hüten wir uns, diese Formen als

naiv und romantisch zu belächeln. Sie dokumentieren eine Etappe

des Weges, auf dem der Körper zum Schauplatz des Wissens

und damit zum Instrument gesellschaftlicher Normierung und

Beherrschung wurde.

Haltung und Draperie erinnern an klassische antike Skulpturen,

zugleich liegt die Betonung auf der Vergänglichkeit und dem

körperlichen Ausgeliefertsein des menschliche Daseins. Wie ein

Memento Mori gemahnt uns das Werk an die eigene Sterblichkeit,

doch ist uns heute das Moralsystem, das diese Bildgattung einst

bestimmte und ihre Deutbarkeit ermöglichte, zumeist verlustig

gegangen. Martin Naber weist hin auf die Sprachlosigkeit und

Orientierungslosigkeit, mit der wir heute der eigenen Sterblichkeit

gegenüber stehen. Der Tod hat seinen Sinn verloren. Er ist

der blinde Fleck, um den unsere tägliche Geschäftigkeit

schneller, schneller und immer schneller im Kreis taumelt.

"Nihilismus will never die", Öl auf Leinwand, Kupferstich, Sprühlack auf Papier, 70x50cm, 2014
"Nihilismus will never die", Öl auf Leinwand, Kupferstich, Sprühlack auf Papier, 70x50cm, 2014

Martin Naber , Bildphilosoph Diese Collagen

üben eine Faszination aus, der sich der Betrachter nicht entziehen

kann. Bruchstücke medizinischer, architektonischer, individueller

Geschichte leuchten auf – ein Knochenfragment, die Zeichnung

eines Kuppelsaals oder ein menschliches Antlitz wird aus seiner

bisherigen Ordnung gehoben. Es entsteht eine eigentümliche

Spannung, wenn diese gezielt gewählten Segmente aus Lexika,

historischen Fotoalben und wissenschaftlichen Schriften plötzlich

freigesetzt werden, aufeinander treffen, vor dem Hintergrund einer

streng geometrischen Komposition in stumme Dialoge treten.

Bei zumeist achsensymmetrischer Anordnung vor schwarzem

Grund wird dem Betrachter kein illusionärer Raum und keine

atmosphärische Wiedergabe geboten, es gibt kaum Tiefenperspektive

und nur wenige raumschaffende Überschneidungen.

Die Flächigkeit der Darstellung hat etwas archaisch-abstraktes.

Gerade die fehlende tiefenräumliche Entfaltung und die tendenzielle

Stillstellung durch den Vorrang formaler Prinzipien eröffnen

einen Reflexionsraum, der den Betrachter herausfordert, eine

Synthese der nur visuell zusammengehaltenen Elemente selbst

herzustellen. Unbewegte Gesichter schauen hinaus aus dem Bild,

manchmal blicken sie auf den Betrachter, als stünde ihm nun die

Aufgabe an, ihnen neuen Halt zu geben.

Hier ist kein Rätsel versteckt, das zu entschlüsseln wäre – es

ist eine fundamentale Leere aufgezeigt, die uns

aller Sicherheiten entkleidet. Martin Naber arbeitet immer nur

an einem Werk, nie an mehreren gleichzeitig, und erzeugt mit

wenigen Elementen eine Dichte, die über alle Eindeutigkeiten

hinausgehend Prozesse des Denkens und Wahrnehmens anzustoßen

vermag. Seine Bilder sind philosophisch unterfüttert, wirken

aber emotional und mit einer nahezu körperlichen Eindringlichkeit.

Vom Körper geht alles aus – aus ihm erwächst die Struktur, die die

Bildfindung prägt, rhizomhaft und bei aller graphischen Strenge

auch organisch.

Sein Material findet Naber in Antiquariaten, auf Flohmärkten und

natürlich im Internet. Hinzu kommen Porträts, die der Künstler auf

Leinwand oder Papier malt und den Collagen beifügt. Sie wirken

vage vertraut. Eine Irreführung, denn es sind anonyme

Gesichter, freie Erfindungen. Die Porträts bringen eine gewisse Erhabenheit

mit, wirken aber auch unheimlich, vor allem wenn ihre

Augen farbig übermalt wurden. In enger Symbiose mit Tierkörpern

werden Unterschiede nivelliert. Bei den anatomischen Kupferstichen

ist jeglicher Hinweis auf eine Autorenschaft oder den

Dargestellten verschwunden. Und auch die baulichen Zeugnisse

menschlicher Existenz wie Kirchenkuppeln und Statuen geben

nicht wirklich Halt, sie überdauern ihre Erschaffer nur unwesentlich,

die ihnen zugrunde liegenden Glaubenssysteme und architektonischen

Neuerungen erscheinen heute längst überholt.

Indem Martin Naber so grundsätzlich das Leben und alle seine

Erscheinungsformen hinterfragt, hinterfragt er auch die Begriffe

und Vorstellungen, die wir uns über das Leben gebildet haben.

Damit führt er uns zu der Frage, welchen gedanklichen Konstrukten

unsere eigenen Begriffe und Vorstellungen entstammen,

welcher Philosophie, welcher Religion, welcher Geschichte. Neue

Begriffe geben diese Bilder nicht vor, wir sind allein aufgefordert,

sie zu entwickeln und zuzuordnen. Mit all diesen Zeichen der

Vergänglichkeit vor Augen realisieren wir, dass jeglicher Begriff,

den wir uns vom Leben machen, genauso flüchtig ist, wie die

Materie selbst.

Martin Naber seziert präzise die Versatzstücke, aus denen wir unsere

Vorstellung von Identität zusammenfügen. Das menschliche

Antlitz, Chiffre vermeintlicher Individualität, trifft auf Knochen,

Organe, Schädel – die äußere Erscheinung der Person wird

konfrontiert mit dem Blick auf das Innere. Der Bildgrund wird

so zum Denk-Grund für die unausweichlichen Fragen nach dem

Ursprung der Dinge und nach der Entstehung von Bedeutung. Der

Betrachter kann der Wucht dieser Bildwelten nicht ausweichen.

Mit seiner neuen, fotografiebasierten Serie unter dem Titel Diffluence bewegt

sich Naber im Spannungsfeld zwischen der tradierten Darstellungsform des Triptychons und den heute medial verbreiteten “mug shots“ krimineller oder vermeintlich krimineller Personen. Diffluence verstört durch die Verunklarung der gezeigten Gesichter – Verlaufsspuren von Flüssigkeiten auf der Bildfläche transzendieren erkennbare persönlichen Merkmale zu Fratzen, zu Chiffren beschädigter Existenz. Die Werke sind nicht als Porträts im Sinne eines versuchten Erfassens des Wesens eines Menschens zu verstehen,sondern als Sinnbilder von Kontingenz und fluenten „Identitäten".

"Triptychon diffluence 8", Fotografie, Lack, Maße variabel, 2016
"Triptychon diffluence 8", Fotografie, Lack, Maße variabel, 2016

Die frühen Arbeiten des 1978 geborenen

Künstlers beziehen ihre Energie aus einem

dicht gedrängten Feld disparater Teile. Eine

zutiefst skeptische Weltsicht bricht sich da

Bahn. Irgendwo zwischen Hannah Höch

und dem Artwork legendärer Punkscheiben

sucht Martin Naber seinen eigenen Weg,

den Absurditäten der Welt die Pistole auf

die Brust zu setzen. Subkulturellle Codes

treffen auf Jahrhundertwendekitsch, Fortschrittssymbolik

auf traditionelle Herrscherinsignien,

glühendes Rot auf bleiche

Nacktheit. Auch wenn diese Arbeiten lauter,

sogar wütender wirken, weisen sie mit ihrem

Instrumentarium aus historischer Druckgraphik, Vergänglichkeitssymbolik

und architektonischer Präsenz auf die heutigen Werke

Martin Nabers voraus.

Seit einigen Jahren tritt ein Konzentrationsprozess ein. Das Bildpersonal

wird weniger, die Perspektiven schlichter. Was formal

an Klarheit gewinnt, wird inhaltlich komplexer. Die Schärfe der

oft auch politischen Bezüge weicht einer weniger eindeutigen,

entzeitlichten, überindividuellen Fragestellung. Die Erzählung

kehrt sich nach innen, die Explosion wird zur Konzentration.

Es sind nur noch zwei Pole, zwischen denen das Schaffen sich

aufspannt: das äußere Erscheinungsbild der Dinge in ihrer trügerischen

Familiarität, und die Entblößung des Körperinneren als

Hinweis auf seine existentielle Fragilität.

 

Text: Melanie Redlberger, 2016

Die Collagen des Hagener Künstlers Martin Naber bestimmen mit ihren teilweise makaber überspitzten Darstellungen eine düstere, unheilsahnende und beschwörende, sowie von Verfall und Niedergang geprägte Atmosphäre. Die Arbeiten sind aufgeladen mit düsterer aber auch teilweise grotesk augenzwinkernder Symbolik und beinhalten vielfältige Motive aus der menschlichen und tierischen Anatomie, Architektur, Kosmologie, Religion, Philosophie, Psychologie, Sexualität, Geschichte, Zerstörung, Tod und Geburt. Bei manchen Arbeiten werden Erinnerungen an religiös motivierte Kunstwerke, wie zum Beispiel Ikonenmalereien geweckt. In ihrer strengen formalen Symmetrie wirken sie in gewissem Maße respekteinfordernd. Durch Fluchtpunkte und klare Grundstrukturen wird der Blick des Betrachters auf bestimmte Elemente gelenkt. Die Collagen, die wie Artefakte wirken, sind auf Karton oder herausgetrennten alten Buchdeckeln gestaltet und bestehen aus verschiedenen Medien wie Fotos aus Magazinen, alten, stellenweise vergilbten Drucken aus Fachbüchern für Anatomie und Biologie und vom Künstler gemalten Elementen. Daraus ergeben sich suggestive Zusammenstellungen von kosmischen Ansichten, Architekturversatzstücken, Menschen und vielfältigen organischen Motiven, sowie handgeschriebenen oder ausgeschnittenen gedruckten Wörtern und Sätzen, die ähnlich wie bei dem Dada-Künstler Kurt Schwitters, fragmentarisch eingesetzt sind. Wortzusammenstellungen wie „Herzschwanger“ und Beleidigungen wie zum Beispiel „death whore“ wirken bedeutungsschwanger und schaffen einen großen Assoziationsspielraum. Auch eine Verwandtschaft zu den Collagen des Künstlers Hans Salentin ist erkennbar, welcher seine eigenen Collagen als ‚objects corrigés’ beschrieben hat, da er sich von den Fundstücken leiten ließ, sich aber durch ihre Verfremdung von ihnen befreite.

Text: Ihsan Alisan, Kurator, 2013